[Spoiler enthalten]
Der Name ist Programm. Beziehungsweise war es einmal. Der Erstling [rec] hält ein, was der simple Titel verspricht. Es wird alles gezeigt, was einem vor die Linse läuft. Der Erstling war ein atmosphärisch dichter, konsequenter und kurzweiliger Schocker, der das nicht mehr ganz neue Stilmittel wohl am konsequentesten genutzt hat. Zwei Jahre später kam die überflüssige Fortsetzung, die unnötige Wendungen einbaut und den Schrecken des Erstlings nicht zu kopieren vermag. Nun also, 3 weitere Jahre später, inszeniert Paco Plaza diesmal im Alleingang [rec] Génesis. Ein Film, auf den man sehr gespannt war, allein das Cover und der Trailer versprach ein blutiges Filmchen. Diesmal finden sich die (neuen) Protagonisten nicht in einem Wohnhaus wider, sondern auf einer pompösen Hochzeit, mit sehr vielen Gästen. In der gut ersten Viertelstunde passiert reichlich gar nichts, jedoch wird der Film erfreulicherweise weiterhin als pseudo-dokumentarisch verkauft, was viele wacklige Bilder verspricht. Diverse Personen werden kurz eingeführt, hier und da ein kleiner Witz, Plausch, bis dann endlich die Hochzeit beginnt - und der Onkel, welcher zuvor erzählt hat, dass er von einem Hund gebissen worden ist (erste und einzige Anspielung auf den Erstling der Reihe), plötzlich von der Tribüne rücklings runterfliegt. Unglücklicherweise war der Biss des Hundes doch nicht so harmlos, wie jeder der Beteiligten zu vermuten vermochte. Und schon darf das wilde Gebeisse, Geschreie und Gerenne losgehen - und die Hauptprotagonisten werden schnell zusammengewürfelt, wenngleich man sofort erkennt, wer nur Dekoration ist und sowieso alsbald Opfer der Infizierten-Armee sein wird.
Paco Plaza erzählt keinen direkten Nachfolger von Teil 1 und 2. Es ist nicht mal wirklich klar ersichtlich, wann dieser Teil genau abspielt und ob es noch weitere Anspielungen geben wird. Doch dem ist nicht so. Die Einblendung des Titels erfolgt erst nach gut 20 Minuten, als die Seuche schon ausgebrochen ist - und Paco Plaza den schlimmsten Fehler begangen hat, denn er hätte machen können. Die subjektive Kamera bekommen einen Tritt auf die Linse und das war es dann mit dem Markenzeichen, welches die [rec]-Reihe ausmacht. Nachfolgend wird nur noch traditionell gefilmt, was dem Film anfangs viel von der Atmosphäre und dem Charme raubt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die ersten Nebendarsteller unspektakulär auseinander gerissen werden und die Flucht beginnt.
[rec] Génesis kann man streng genommen nicht mehr als einen Teil der Filmreihe sehen, da es so gut wie keine Bezüge gibt, viele Stilmittel nicht mehr eingesetzt werden und sich der Film nicht mehr so ernst nimmt, was zur Folge hat, dass es viele atmosphärische und verstörende Einbüße gibt. Die Infizierten handeln klischeehaft und sehen gar nicht mehr so furchteinflössend aus. Als sich die Gruppe dann in der Kirche widerfindet, was die Infizierten anscheinend davon abhält, einzutreten, bekommt der Film eine unglückliche Wendung - er mutiert teils zu einem religiös motivierten Horrorfilm. Schon [rec] 2 hatte viele religiöse Motive, was den Spaß erheblich eingeschränkt hat. Hier gar ist es Teils des Rätsels Lösung.
Unfreiwillige Komik findet leider auch seinen Platz. Als Ritter rennen zwei der Darsteller dann durch die Infizierten-verseuchten Gebäude und schwingen ihre Schwerter. Da ist die Braut des Bräutigams einen Tick cooler unterwegs, als die die Motorsäge findet und mit blutverschmiertem Brautkleid eine halbe Horde Infizierte gnadenlos malträtiert. Das ist einfach ein extrem schickes Bild. Der Film hat ein paar dramaturgische Durchgänger, da er keine wirkliche Geschichte zu erzählen hat. Den Großteil rennen die restlichen Überlebenden von den Untoten weg und versuchen sich gegenseitig zu finden. Selbst als eigenständiger Horrorfilm ohne Bezüge zur eigentliche Reihe zu ziehen, mag der Film nicht wirklich funktionieren, da keine wirkliche Spannung aufkommt und die Atmosphäre auf der Strecke bleibt. Dennoch hat Paco Plaza das alles relativ rasant inszeniert, die Charaktere sind solide ausgearbeitet und in der zweiten Hälfte wird es nochmal richtig blutig. Ein kleines Gore-Highlight markiert die Szene, in der der Bräutigam den Onkel das Gebiss zerstört. Schockmomente bleiben ebenso aus (bzw. sind vorhersehbar) wie eine wirklich emotionale Bindung. Zwar erzählen sich alle stetig, wie sehr sie sich doch lieben, doch bleibt das ebenso plakativ im Raum stehen, wie die Tatsache, dass die Braut schwanger ist, was keinen wirklichen Bezug zur Sachlage herstellt.
Das Finale wartet immerhin mit einer nicht minder originellen, aber netten Wendung auf (sofern man das Wendung nennen kann). Vielleicht hätte sich Paco Plaza mehr auf das Zusammenspiel der beiden frisch Verheirateten konzentrieren sollen, denn das sind mitunter die einzigen sympathischen Charakteren des grotesken Massakers.
[rec] Génesis ist kein [rec]-Film. Er stellt weder Bezüge zur Reihe her noch wird er als solcher präsentiert. Er ist ein eigenständiger Horrorfilm, der hier und da Motive der [rec]-Filme aufgreift - und das gar nicht so schlecht. Paco Plaza inszeniert zügig, die Musik ist nicht aufdringlich und ein paar nette Gore-Sequenzen gibt es auch. Während die erste Hälfte teils orientierungslos vor sich hin vegetiert, präsentiert sich die zweite Hälfte als das, was man von vorne rein erwartet hatte. Vielleicht hätte dieser Film auch besser funktioniert, wenn man ihn von vorne rein nicht als Teil des [rec]-Universums aufgebaut hätte. Denn das ist er definitiv nicht. Diese Filme leben von der wackligen Optik, welche eine immens atmosphärische Anspannung und viel Ungewissheit mit sich bringt. Kriterien, die der dritte Teil nicht erfüllen kann. Nichtsdestotrotz ist er kein Reinfall. Jedenfalls kein totaler. Kann man gerne mal reinschauen, doch sollte man die Erwartungen nicht allzu hochsetzen.